Ohrenentzündung beim Hund: warum sie immer wiederkommt
Der Ablauf ist fast immer derselbe. Der Hund kratzt sich, schüttelt den Kopf, es riecht. Ihr geht hin, bekommt Tropfen, nach ein paar Tagen ist Ruhe. Und dann, sechs Wochen oder ein halbes Jahr später, geht es wieder los. Beim dritten Mal fragt sich jeder, was da eigentlich falsch läuft.
Kurz zusammengefasst
- Das Ohr ist meistens der Ort, an dem etwas sichtbar wird — nicht die Ursache. Deshalb hilft die Behandlung des Ohres und löst das Problem trotzdem nicht.
- Die häufigste Ursache dahinter ist eine allergische Hauterkrankung. In einer Untersuchung an 321 Hunden mit Ohrenentzündung lag bei 27,8 Prozent eine allergische Grunderkrankung zugrunde; umgekehrt entwickeln rund 55 Prozent der Hunde mit atopischer Dermatitis eine Ohrenentzündung.
- Wattestäbchen gehören nicht ins Hundeohr. Der Gehörgang knickt nach unten ab — man schiebt damit hinein statt heraus.
- Tropfen aus der letzten Packung sind keine gute Idee: Ist das Trommelfell verletzt, können manche Wirkstoffe das Innenohr schädigen. Ob es intakt ist, sieht man nur mit dem Otoskop.
- Wiederkehrend heisst: Die eigentliche Ursache ist noch nicht gefunden. Das ist keine Schuldzuweisung, sondern ein Auftrag.
Das Ohr ist der Ort, nicht die Ursache
Der Satz, der beim dritten Mal fällt, lautet meistens: „Er hat halt anfällige Ohren.“ Das klingt nach Schicksal. Es ist aber fast immer eine unvollständige Diagnose.
In der Tiermedizin trennen wir bei der Ohrenentzündung zwischen drei Arten von Ursachen, und das ist der ganze Schlüssel zu diesem Thema:
- Was begünstigt. Hängeohren, ein enger oder stark behaarter Gehörgang, viel Schwimmen, viel Feuchtigkeit. Das macht ein Ohr anfällig, aber allein noch nicht krank.
- Was auslöst. Eine Allergie, ein Fremdkörper, Milben, seltener eine Störung des Hormonhaushalts. Das ist die eigentliche Ursache.
- Was unterhält. Bakterien und Hefepilze, die sich im entzündeten, feuchten Gehörgang vermehren. Das ist der Teil, den die Tropfen behandeln — und der Teil, der wiederkommt, solange der mittlere Punkt offen ist.
Wer nur die dritte Gruppe behandelt, bekommt genau das Muster, das dich hierher geführt hat: Es wird besser, und dann wird es wieder schlechter.
Die Ursache, die am häufigsten übersehen wird
Bei einem Hund mit wiederkehrender Ohrenentzündung denke ich zuerst an die Haut. Nicht, weil es bequem ist, sondern weil die Zahlen dorthin zeigen.
In einer Auswertung von 321 Hunden mit Ohrenentzündung lag bei 98 Tieren — also 27,8 Prozent — eine allergische Grunderkrankung zugrunde. Und aus der anderen Richtung betrachtet: Rund 55 Prozent der Hunde mit atopischer Dermatitis entwickeln im Lauf ihres Lebens eine Ohrenentzündung.
Das ergibt anatomisch Sinn. Der Gehörgang ist ausgekleidet mit Haut — mit derselben Haut, die auch die Pfoten, die Achseln und den Bauch überzieht. Ein Hund mit einer allergischen Hauterkrankung hat sie nicht nur dort, wo man sie sieht. Er hat sie überall, und das Ohr ist der Ort, wo sie sich am schnellsten bemerkbar macht: warm, feucht, schlecht belüftet.
Häufig ist das Ohr sogar das erste Zeichen, Monate bevor jemand an eine Allergie denkt. Was dahintersteckt und warum das Symptom selten die Ursache ist, habe ich in meinem Artikel über die Allergie beim Hund ausführlich beschrieben.
Was ich zuerst ausschliesse
Bevor wir über Allergien reden, gehören drei Dinge vom Tisch, weil sie schnell zu klären und sofort zu behandeln sind.
Ein Fremdkörper. Ganz oben steht die Granne — der Ährenteil von Gräsern, mit Widerhaken, der nur in eine Richtung wandert. Typisch ist der Hund, der von einem Spaziergang im Sommer heimkommt und plötzlich den Kopf schief hält, heftig schüttelt und an einem Ohr kratzt. Kein langsames Schlimmerwerden, sondern von jetzt auf gleich. Das ist ein Fall für denselben Tag.
Ohrmilben. Vor allem bei Welpen und jungen Hunden, oft aus Mehrhundehaushalten. Typisch ist ein krümeliger, dunkler, fast kaffeesatzartiger Belag und starker Juckreiz. Unter dem Mikroskop in zwei Minuten geklärt.
Wasser. Ein Hund, der viel schwimmt, bringt Feuchtigkeit in einen Gehörgang, der ohnehin schlecht trocknet. Das erklärt einen Sommer — aber nicht drei Jahre.
Zwei Dinge, die du nicht tun solltest
Keine Wattestäbchen. Der Gehörgang des Hundes verläuft nicht gerade wie unserer, sondern zuerst senkrecht nach unten und knickt dann waagrecht ab. Was du mit einem Stäbchen erreichst, ist deshalb nicht das Herausholen, sondern das Hineinschieben — Sekret und Schmutz landen an der Stelle, an der sie am meisten Schaden anrichten, direkt vor dem Trommelfell.
Keine Tropfen aus der letzten Packung. Das ist der Punkt, der mir am wichtigsten ist. Manche Ohrenmedikamente dürfen nur angewendet werden, wenn das Trommelfell unversehrt ist — gelangen bestimmte Wirkstoffe ins Mittelohr, können sie das Gleichgewichtsorgan und das Gehör schädigen. Und ob das Trommelfell intakt ist, sieht man nicht von aussen. Dafür braucht es einen Blick mit dem Otoskop.
Dazu kommt: Ohrenentzündung ist nicht gleich Ohrenentzündung. Ob Bakterien oder Hefepilze im Vordergrund stehen, entscheidet über das Mittel — und diese Frage beantwortet ein Abstrich unter dem Mikroskop, nicht der Geruch und nicht die Farbe.
Was in der Praxis passiert
Ein sauber gemachter Ohrentermin besteht aus drei Teilen, und keiner davon ist aufwendig:
- Vorgeschichte. Wie oft schon, in welchen Abständen, zu welcher Jahreszeit, ein Ohr oder beide, was hat gewirkt und wie lange.
- Otoskopie. Der Blick in den Gehörgang bis zum Trommelfell — nach Fremdkörpern, nach dem Zustand der Haut, nach der Unversehrtheit des Trommelfells.
- Zytologie. Ein Abstrich, gefärbt, unter dem Mikroskop. Damit sieht man in wenigen Minuten, ob Hefepilze, Bakterien oder Milben das Bild bestimmen.
Bei einem Hund, der zum dritten Mal kommt, ist der wichtigste Teil des Termins allerdings ein anderer: das Gespräch darüber, was zwischen den Schüben passiert. Wann tritt es auf? Immer im Frühling? Immer nach dem Baden? Immer nach einem Futterwechsel? In diesen Mustern steckt die Antwort häufiger als im Abstrich.
Wenn es das dritte Mal ist
Dann verschiebt sich die Frage: Nicht mehr „welche Tropfen“, sondern „warum dieses Ohr“. Und dabei schaue ich auf drei Bereiche.
Das Futter. Nicht als Glaubensfrage, sondern als Beobachtung: Fällt der Beginn der Schübe mit einem Wechsel zusammen? Bei einem Teil der Hunde mit Ohrenproblemen ist eine Futtermittelunverträglichkeit der Auslöser, und das lässt sich mit einem geplanten Vorgehen herausfinden — nicht durch Ausprobieren im Wochenrhythmus.
Die Haut als Ganzes. Leckt er an den Pfoten? Sind die Zehenzwischenräume rot oder braun verfärbt? Reibt er sich das Gesicht? Ist der Bauch gerötet? Das gehört zusammen betrachtet — ein Ohr allein erzählt nur die halbe Geschichte.
Der Aufbau danach. Ein Gehörgang, der monatelang entzündet war, und eine Haut, die mehrere Behandlungsrunden hinter sich hat, brauchen Zeit. Neben der Fütterung arbeite ich hier mit Zellvitalstoffen und anderen Naturprodukten. Sie behandeln keine Ohrenentzündung — das tun sie nicht, und das behaupte ich auch nicht. Aber sie unterstützen die Haut dabei, wieder ihre Aufgabe zu übernehmen, und genau darum geht es, wenn das Ziel nicht der nächste ruhige Monat ist, sondern kein nächster Schub.
Was das für dich heisst
Wenn dein Hund zum dritten Mal Ohrenprobleme hat, ist das kein Pech und keine Rasseeigenschaft. Es ist ein Hinweis darauf, dass bisher der dritte Punkt behandelt wurde und der zweite offen ist.
Die Frage beim nächsten Termin lautet deshalb nicht „was können wir dagegen geben“, sondern: Woher kommt es? Das ist ein anderes Gespräch, es dauert länger — und es ist das einzige, das die Sache beendet.
Häufige Fragen
Warum kommt die Ohrenentzündung meines Hundes immer wieder?
Weil meistens nur das behandelt wurde, was die Entzündung unterhält — Bakterien und Hefepilze —, und nicht das, was sie auslöst. Der häufigste Auslöser ist eine allergische Hauterkrankung: In einer Auswertung von 321 Hunden mit Ohrenentzündung lag bei 27,8 Prozent eine allergische Grunderkrankung zugrunde. Solange die nicht gefunden ist, wirken die Tropfen zuverlässig und das Problem kommt zuverlässig wieder.
Darf ich die Ohrentropfen vom letzten Mal noch einmal verwenden?
Besser nicht. Erstens ist nicht jede Ohrenentzündung gleich: Ob Bakterien oder Hefepilze im Vordergrund stehen, entscheidet über das richtige Mittel, und das klärt ein Abstrich unter dem Mikroskop. Zweitens dürfen manche Wirkstoffe nur bei unversehrtem Trommelfell angewendet werden, weil sie sonst Gehör und Gleichgewichtsorgan schädigen können. Ob das Trommelfell intakt ist, sieht man nur mit dem Otoskop.
Wie reinige ich die Ohren meines Hundes richtig?
Auf keinen Fall mit Wattestäbchen: Der Gehörgang des Hundes verläuft erst senkrecht nach unten und knickt dann ab, deshalb schiebt man damit hinein statt heraus. Wenn gereinigt werden muss, dann mit einem geeigneten Ohrreiniger, der in den Gehörgang gegeben wird — anschliessend wird die Ohrbasis massiert und der Hund darf schütteln. Ein gesundes Hundeohr braucht übrigens meist gar keine Reinigung.
Mein Hund hält plötzlich den Kopf schief und schüttelt heftig — was ist das?
Wenn das von einem Tag auf den anderen anfängt, besonders im Sommer nach einem Spaziergang, steht eine Granne ganz oben auf der Liste: der Ährenteil eines Grases, der Widerhaken hat und nur in eine Richtung wandert. Das ist ein Fall für denselben Tag, weil eine Granne von allein nicht wieder herauskommt, sondern weiter nach innen.
Kann das Futter schuld sein?
Es kann. Eine Futtermittelunverträglichkeit gehört zu den allergischen Auslösern, und bei einem Teil der Hunde mit wiederkehrender Ohrenentzündung ist sie tatsächlich der Grund. Herausfinden lässt sich das aber nur mit einem geplanten Vorgehen über mehrere Wochen — nicht durch Ausprobieren verschiedener Sorten im Wochenrhythmus, weil man dann am Ende nicht weiss, was gewirkt hat.
Sind Hunde mit Schlappohren besonders betroffen?
Sie sind anfälliger, aber das allein macht noch keine Ohrenentzündung. Hängeohren, enge oder stark behaarte Gehörgänge und viel Feuchtigkeit gehören zu den begünstigenden Faktoren: Sie sorgen für ein warmes, schlecht belüftetes Ohr. Krank wird das Ohr aber erst, wenn ein Auslöser dazukommt — meistens eine Allergie. Deshalb ist „er hat halt Schlappohren“ selten die ganze Erklärung.
Wenn du beim dritten Mal die andere Frage stellen willst
In 45 Minuten schauen wir nicht auf das Ohr, sondern auf den Hund: wann die Schübe kommen, was er frisst, wie seine Haut sonst aussieht — und wo sich der Kreislauf durchbrechen lässt.
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Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine tierärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Bei akuten Beschwerden wende dich bitte umgehend an deine Tierarztpraxis oder eine Tierklinik und setze verordnete Medikamente nie ohne Rücksprache ab.
